„Ich schäme mich, Europäer zu sein!“

Im Visier italienischer Kriegsschiffe-die Cap Anamur mit Bootsflüchtlingen an Bord, Mittelmeer, 2004. © Jürgen Escher/Cap Anamur

15.08.2017
Diesen Satz habe ich im Jahr 2004 auf der Cap Anamur im Mittelmeer in mein Tagebuch geschrieben. Wir hatten damals aus Seenot gerettet 36 Bootsflüchtlinge aus Afrika an Bord. Man verweigerte uns die Einfahrt in einen italienischen Hafen und unser Schiff wurde belagert von Kriegsschiffen, Turboschnellbooten der Guardia Finanzia und verschiedenen Polizeibooten.

„Die Gesichter der Flüchtlinge erzählen Bände. Gerettet aus Seenot, müssen sie jetzt erleben, dass zur Begrüßung in Europa Kriegs- und Polizeischiffe auf sie warten. Ist dies unsere Antwort auf die ungelösten Fragen? Aufrüstung im Mittelmeer statt ernsthaften Bemühens um Lösungen? Ich schäme mich in diesem Moment, Europäer zu sein.“ (Jürgen Escher, Buch „Lebenhelfen“, Köln, 2005)

Der Rest ist inzwischen Geschichte. Cap Anamur wurde der Menschenschlepperei angeklagt, Mitglieder der Crew verhaftet. Es sollte ein Exempel statuiert werden. Unterstützung der deutschen Politiker damals, auch nicht vom damaligen Innenminister Otto Schily: Fehlanzeige. Cap Anamur wurde im Jahr 2009 von diesem absurden Vorwurf freigesprochen.

Warum ich dies überhaupt schreibe? Geschichte wiederholt sich! Zusammen mit französischen Intellektuellen charterten im Jahre 1979 Rupert und Christel Neudeck (u.a. mit der Unterstützung von Heinrich Böll) ein Schiff. Sie nannten die Aktion „Port de Lumiere“ (Hafen des Lichtes), aber durchgesetzt hat sich der Orginal-Schiffsname „Cap Anamur“ (übrigens ein Cap in der Türkei). Die „Cap Anamur“ rettete in den folgenden Jahren cirka 10.000 Bootsflüchtlinge aus Vietnam (Boatpeople) im Südchinesischen Meer. Schon damals wurde der absurde Vorwurf gemacht, dass die kleinen Flußboote nur wegen der Anwesenheit der Cap Anamur ins riesige südchinesische Meer unterwegs seien.

Genau wie jetzt wieder im Mittelmeer im Jahr 2017. Der Vorwurf der Menschenschlepperei wird wieder pauschal erhoben. Die italienische Bürokratie schlägt wieder unbarmherzig zu. Das Boot der Organisation „Jugend rettet“ wurde festgesetzt. Libysches Militär feuerte erste Warnschüsse ab. Im Moment traut sich kaum eine Organisation ins Mittelmeer. Unterstützung deutscher bzw. europäischer Politiker heute: ebenso Fehlanzeige. Wenn schon Politiker nicht den Mund aufmachen, wo sind eigentlich unsere Intellektuellen? Rupert Neudeck charterte das Schiff damals, weil er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, dem Sterben im Südchinesischen Meer tatenlos zuzuschauen. Wir haben uns anscheinend an das Sterben im Mittelmeer gewöhnt!?

Europa ist in der Flüchtlingsfrage kläglich gescheitert! Nun kann das Sterben im Mittelmeer ja weitergehen, beobachtet von einer mit europäischen Steuergeldern hochgerüsteten Grenz- und Küstenwache.

Der letzte Satz ist sicherlich etwas zynisch-aber die Wirklichkeit ist noch viel zynischer. Inzwischen legen an Mittelmeerstränden mit Touristen Schlauchboote mit Migranten aus Afrika an. Erholung kontra Überleben!

Wollen wir wirklich in so einer ungerechten Welt leben? Zusammen können wir daran etwas ändern!